Laudatio

10 Jahre Hospitzkalender

 

Rathausgalerie Balingen

29.10.2014

 

Christina Henselmann

 

 

 

 

10 Jahre Hospitzkalender lässt rück blicken. Rückblicken auf 10 Kalenderblätter eines jeden Monats, die die Hospitzarbeit in dieser Zeit begleitet haben.

 

"Die Malerei," so Arnold Böcklin, "sollte stets nur Erhebendes und Schönes oder doch unbefangene Heiterkeit darstellen wollen...."

 

Heiterkeit ist das Gefühl, das sich auf Monika Schwenks Bildern niederlässt, wenn man durch die Kalenderblätter streift. Jahr für Jahr. Heiterkeit, gepaart mit Schönem und Erhebendem. Frühlingsleichtigkeit schlägt einem entgegen, Sommerlaune, Herbstgeträumtes, Winterklirren.

Vielleicht ist es die leichte Heiterkeit, die Eduard Maass berührte, als er Monika Schwenk für dieses caritative Projekt „Hospitzkalender“ vor 10 Jahren zu gewinnen suchte.

Hospitzarbeit und Heiterkeit: Ein Paar, das Gegensätzlich scheint, doch sich nicht ausschließt, sondern befruchtet. Das 10-jährige Jubiläum spricht für den Erfolg des Projekts, aber auch für Eduard Maass uneigennützige und aufopfernde Arbeit.

 

 

10 Jahre Frühlingsbilder sind ein Stapel mit aufbrechendem Grün, frischem Gelb und zartem Rot in dünnen hingehauchten Lasuren oder mit deckendem Pinselstrich. Zu genießen im Schatten eines Baumes auf einem bequemen Liegestuhl.

Monika Schwenk entdeckte die Aquarellmalerei durch einen Artikel in einer Zeitschrift, der sie zum Ausprobieren und Experimentieren der Technik inspirierte. Eine Technik, die sich nicht Lumpen lässt. Wer hier zu lange zögert, muss gegen spröde Formen und harte Farbkanten kämpfen, wer zu viel Wasser verwendet, sieht seine Farben unkontrolliert in großen Pfützen über das Papier schwimmen. Getane Pinselstriche sind aus dem Bild nicht mehr zu entfernen. Aquarell muss zügig gehen. Kaffepausen verboten. Konzentration auf den Moment. Diese Herausforderung war es, die Monika Schwenk an der Technik des Unauslöschlichen reizte.

Mithilfe von Skizzen und Photographien taucht noch heute die Künstlerin in das innere Gefüge ihrer Motive. Die Ausarbeitung erfolgt dann nicht mehr unbedingt vor Ort. Mit dickem Pinsel legt sie flächige Lasuren, die ihre Komposition grob anlegen.

 Kleinere Flächen, Farbspritzer, Collageelemente, Linien, gebunden an die Form oder frei, ordnen sich in das Spiel der Farbflächen ein und rhythmisieren die Bildstruktur.

Angedachte perspektivische Elemente führen auf den ersten Blick in den Raum, genauer betrachtet verhaspeln sie sich in Widersprüchen und Brüchen, die die ungezwungene Heiterkeit des Motivs unterstreichen.

 

Christian Morgenstern befand:

"Es gibt vielleicht keine glücklichere Manier, als alle Dinge vom Standpunkt des Malers aus zu betrachten."

 

Betrachten wir die Bilder aus Monika Schwenks Blickwinkel, formieren sich Farbe, Form und Komposition wie von selbst zu einem Bildganzen.

 

 

Der Stapel Sommerbilder brennt unter meinen Fingern, verströmt den Duft von Hitze, von blühendem Lavendel, zitterndem Mohn und reifen, schweren Feldern. Der Sommer führt es uns vor Augen. Schwenks Begeisterung, Schwenks Zugang zu den Motiven sind die leuchtenden Farben. Ultramarin, Zinnoberrot, Kobaldviolett, Cadmiumgelb.

 

"Es gibt Maler," so Picasso, "die die Sonne in einen gelben Fleck verwandeln. Es gibt aber andere, die dank ihrer Kunst und Intelligenz einen gelben Fleck in die Sonne verwandeln können."

 

Juni 2015: Ein duftendes Lavendelfeld führt uns, vorbei an einem einfachen, sonnengewärmten Haus in eine idyllische Landschaft. Als Betrachter bleibt uns nichts anderes übrig. Wir müssen uns führen lassen von den Farben, die sich mit einer Leichtigkeit im Bildraum ausbreiten, am Horizont zu Formen verdichten, die uns Gegenständliches erkennen lassen. Häuser, Zypressen, Felder, teilweise durch Collageelemente in die Komposition eingefügt. Die Farbflächen komponieren das Bild und steigern sich durch Komplementär-, Kalt-Warm und Hell-Dunkelkontraste zu höchster Leuchtkraft. Wer möchte nicht in dem violetten Lavendel oder dem gelben Kornfeld versinken und einfach sein, dem Klang und dem Duft der Farbe nachspüren?

 

Wer möchte nicht eine Blüte aus dem Juni 2014 stehlen, dem Pfingstrosenstrauß, der direkt aus dem Garten in die Vase gestellt wurde?

Monika Schwenk zeigt sich uns unbedarft. Sie überwindet die Angst vor dem weißen Blatt mit dicken Pinselstrichen und lässt gleichzeitig Gespür erkennen, wenn vor unseren Augen aus Angedeutetem zarte Blüten in locker angelegten Formen und luftigen Farben entstehen. Blüten, die ihren Duft verströmen, noch bevor sie ganz aufgebrochen sind. Zeigt Gespür, wenn Knospen durch Weglassen erst ihre Gestalt entwickeln dürfen, eingefangen durch bewegte Umrisslinien oder die Farbe des Umraumes, die hier teilweise mit eine Drahtbürste tief in die Blattfasern eingerieben wurde. Kein Pinselstrich erzählt zu viel oder zerredet die Form, jeder gestaltet und lässt doch dem Betrachter Raum für eigene Bilder, Gedanken, Gefühle. Pfingstrosen prall und zart, in gänzlicher Pracht und vom Winde berührt.

Monika Schwenk erlaubt uns, hinter das Abbild zu spüren und das Wesentliche zu erahnen, das sie intuitiv in ihren Formen sucht.

 

 

Herbstträumen

 

„Die Farbe", so Yves Klein, "bewohnt den Raum,
während die Linie nur durch ihn hindurch reist und ihn zerschneidet.
Die Linie streift das Unendliche, die Farbe «ist«.
Durch die Farbe empfinde ich eine vollkommene Identifizierung mit dem Raum;
ich bin wirklich frei“.

 

Der Oktober 2014 eröffnet uns den Raum der Farbe. Breit spannen die Farbflächen das ganze Format aus und nur im Hintergrund scheint die Friedhofskirche von Balingen mühsam zurückzudrängen, was das Bildformat sonst sprengen würde.

Orange, Gelb, Blau und Grün werden großzügig auf dem Bild verteilet, Flächen, die erst nichts Gegenständliches an sich haben, von Farbspritzern begleitet, die aus dem Übermut heraus ins Bild geschnippt werden. Ein eingefügter Ast mit Blättern und lineare Reihungen in den Farbflächen lassen Gegenständliches und Ungegenständliches ineinanderfließen.

„Die Aquarellmalerei“, so Schwenk, “ist deshalb meine bevorzugte Maltechnik, weil ... auf dem Papier oftmals ganz überraschende Dinge entstehen, die “einmalig”, nicht wiederholbar sind, und die ich als Geschenk empfinde.“

Wir ahnen mit welcher Hingabe Monika Schwenk in ihren Motiven versinkt und wie intuitiv sie sich darauf einlassen muss.

 

Auch der Oktober 2015, das Titelbild des diesjährigen Kalenders, zeugt von einer farblichen Spontanität, die direkt aus dem Herzen in den Pinsel der Künstlerin zu fließen scheint. Nicht der Himmel ist blau, sondern der Weg und das Gemäuer, der Himmel ist ganz selbstverständlich, so dass wir uns nicht darüber wundern, in Gelb-Orangetönen gehalten, die ihre Korrespondenz in den Farbspritzern des Vordergrundes finden, das Motiv einrahmen und den Betrachter ins Bild führen. Hier stehen wir und schauen dem sich verflüchtigenden Blau nach, das seine tiefste Intensität in dem Dach des Turmes hat, dem Bildzentrum auf das alles hinführt. Die Wichtigkeit wird durch Komplementäres, Kalt-Warm und Hell-Dunkelkontraste unterstrichen. Die Künstlerin gibt der Farbe den Raum, den sie braucht, um wirken zu können.

 

Winterklirren

 

Wie malt man Schnee? Dezember 2013. Eine Winterlandschaft, die sich aus ihren Schatten heraus formt. Ein Bild, aus viel weiß und verflüchtigenden Blauwerten, aber doch eine ganze Landschaft aus Gebäuden, Wäldern, Wegen. Klirrend mit vielen linearen Elementen, die das Bild strukturieren und den Betrachter durch die Landschaft geleiten. Bis wir uns wiederfinden im Schutz der Schattenflächen der Wälder - mit kalten Füßen. Sind wir nicht erst noch durch ein Flüsschen gewatet?

Komposition? Monika Schwenk zuckte die Achseln. Komposition?

Aber die Winterlandschaft atmet ruhig. Jede Form hat ihren Platz auf dem Papier, korrespondiert mit anderen, gibt Gegengewicht, kleine Formen ballen sich, größere Flächen beruhigen und die weißen Flächen, die sich aus dem kalten Blau herausschälen, erzählen ihre eigenen Geschichten.

 

Aber Winter ist nicht nur weiß-blau. Haben wir gedacht, wir sind Monika Schwenk auf die Schliche gekommen?

Frech setzt sie im Januar des selben Jahres Farben ein, die uns frösteln lassen. Blau-Violett-Türkis mit Gelb. Kein Weiß. Kein Schnee? Farbflächen, die ineinanderfließen, mit hellen Schattenwürfen, mit freien Linien, die, mal schnurgerade durch das Bild eilen oder in lockeren Schwüngen über die Fläche tänzeln und die gelb- bläulichen Farbflächen miteinander verweben.

Im oberen Bildteil schieben sich zusammengeballte Häuser zwischen die Farbflächen und plötzlich zerteilen sich die Farben und ein Raum wird definiert: Ein Himmel in Gelb und Blautönen und ein Schneefeld, in Gelb, Violett, Türkis, am Rande eines Dorfes, unberührt, zu tief der Schnee, als dass wir über das Feld zu dem Dorf gelangen könnten. Ohne Weiß aber trotzdem klirrend kalt. Denn das Gelb wärmt nicht.

 

„Kunst“, so Paul Klee, „ gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“

Meine Füße sind immer noch kalt.

 

Das Jubiläum "10 Jahre Hospitzkalender" zur Unterstützung der Hospitzarbeit deckt auf, dass sich manches verändert hat.

Auf der einen Seite die Hospitzarbeit, die nicht zuletzt aufgrund solcher Projekte öffentlicher und sichtbarer wird und mehr Raum- wohl noch nicht genug-, aber mehr Raum in der Gesellschaft einnimmt.

Aber auch Monika Schwenks Arbeiten haben sich verändert.

Der neue Kalender 2015 eröffnet uns eine Fülle an Motiven, die uns neu sind.

Hatte sich Monika Schwenk zu Anfang vor allem der Landschaft verschrieben, der sich dann Blumenmotive untermischten, finden wir jetzt auch Figürliches und Tiermotive.

 

"Ich habe gar nie das Verlangen", so Franz Marc, "die Tiere zu malen, wie ich sie sehe, sondern wie sie sind, wie sie selbst die Welt ansehen und ihr Sein fühlen."

 

Monika Schwenk malt die Tiere wie sie sind, wie sie ihr Sein fühlen. Die Raben im Januar,  kohlrabenschwarz, flächig ohne Binnenzeichnung, aber doch genug, dass ihr Charakter uns anspringt: Keck, auf der Hut, gefräßig, neugierig und sich im Hintergrund versammelnd durch schwarze Collageflecken. Die intuitiv gesetzte Diagonale im Bildaufbau lässt uns subtil das Neugierige der Tiere erspüren.

 

Das glotzende Kälbchen, unsicher im Tritt, mit neugierigem und gleichzeitig zaghaftem Blick, nur Augen und Maul ausformuliert und doch erscheint der Schädel plastisch vor uns, sich aus dem Hintergrund hervorschiebend - uns zaghaft entgegen.

In einer Tuschetechnik, die den Zufall herausfordert. Wasser aus der Höhe auf die dadurch explodierende Tusche herabfließen lassend.

 

 

Monika Schwenk ist mutig geworden. Hat ihren Stil gefunden, ihren Umgang mit Farbe, Form und Komposition.

Dessen werden wir auch Zeuge in ihren abstrahierten Werken. Überwunden der Wunsch des Abbildes, gefunden den Reichtum der Farbe, Form und Komposition, die sich auch allein genügen können.

Ihre ungegenständlichen Arbeiten zeugen von einem intuitiven Wissen um eben dieses. Spannende Kompositionen bauen sich aus tiefen Schichten vor unseren Augen auf, in zurückhaltenden Farben. Rot wird verwendet, weil die Komposition es verlangt, aus einem Mangel heraus, um in die Fülle zu kommen. Formen drücken durch Wachschichten hindurch, ergänzen sich oder kontrastieren und zeigen Überlagertes. In mit der Radiernadel eingeritzten Linien verfangen sich Acrylspuren. Zeitungsschnipsel, Fotos und Gezeichnetes wird eingearbeitet und zum Schluss mit einer dünnen Wachsschicht versehen, die sich samtig zwischen den Betrachter und das Motiv schiebt.

Erst das Erlernen der Perspektive, der Wirkung der Farbe, des Bildaufbaus, dann das Beherrschen desselbigen ist die Grundlage, um es wieder loslassen und damit spielen zu können.

Die abstrahierten Werke von Monika Schwenk zeigen uns, dass eine Künstlerin gereift ist, die aus einem reichen Formen- Farben- und Erfahrungsrepertoire schöpfen kann. Gleichgültig ob ihre Motive gegenständlich oder ungegenständlich sind, es ist die Heiterkeit, die Leichtigkeit, die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Motive im Bildraum anordnen, die alle verbindet.

Monika Schwenk schreibt mit ihrer eigenen Handschrift.

 

 

Das Projekt "Hospitzkalender", das seinen Anfang in dem Kalender für das Jahr 2005 fand, schlägt einen Bogen von damals bis heute mit einem Motiv, das die Hospitzarbeit über die Jahre begleitet hat.

Das Deckblatt des ersten Kalenders, "Schloss Lautlingen", ein Schlossgemäuer im Sommer, in typischen kontrastierenden Schwenkfarben Rot, Gelb, Blau und Grün, wurde das Logo der ökumenischen Hospitzgruppe Balingen und findet sich im neuen Kalender 2015 als Wintermotiv im Dezemberblatt wieder. Zeit ist vergangen.

Hatte 2005 das Motiv durch seine Buntheit geklungen, klingt der Dezember 2015 zarter, traumhafter, in Blau- und Brauntönen mit einem weitgeöffneten Tor.

 

"Das urtümliche Wesen der Farbe," so Johannes Itten, "

ist ein traumhaftes Klingen,

ist Musik gewordenes Licht.

In dem Augenblick, da ich über Farbe nachdenke, Begriffe bilde, Sätze setze,

zerfällt ihr Duft,

und ich halte nur ihren Körper in den Händen.

 

Ich fordere Sie auf: Vergessen Sie meine Worte, atmen Sie den Duft der Bilder ein, erspüren Sie das traumhafte Klingen und lassen Sie nicht zu, dass Sie am Ende nur die leeren Körper in ihren Händen halten.